Truhe, Surselva 1813
Wer so einen Kasten datiert, meint es ernst.
Eine Truhe wie diese musste nichts sein als dicht und verschliessbar. Er ist mehr geworden. Die Deckelkante ist profiliert – Arbeit, die kein Zweck erzwingt. Und vorn unter dem Schloss steht die Jahrzahl, von Hand ins Holz geschnitten: 1813. Jemand fand, dieses Stück verdiene ein Datum.
Der Schlosskasten sitzt innen an der Vorderwand, geschmiedet, mit ausgesägten Seitenflügeln, deren Ränder gezackt sind wie Farnwedel. Auch hier wieder: Zierrat an einem Teil, das nur halten sollte. Der Schlüssel steckt und dreht. Die Bänder am Deckel enden in Lanzetten, die Tragringe sitzen auf gelappten Rosetten. Eine Truhe dieser Grösse wurde getragen, nicht gestellt.
Die Ecken sind offen verzinkt, jeder Zinken von Hand angerissen, keiner wie der andere. Das Nadelholz ist unbehandelt. Der Wurm hat vor langer Zeit gearbeitet und die Oberfläche stellenweise zu einer feinen Rillenstruktur ausgewaschen, in der das Licht hängen bleibt. Man fährt unwillkürlich mit der Hand darüber. Er ist längst weg. Die Truhe ist sauber und riecht nach nichts – nur nach trockenem Holz.
Was dieses Stück auszeichnet: Es wurde nie weggestellt. Wo ein Zinken brach, kam ein Holzflicken. Wo ein Niet ausriss, kam eine Schraube. Zwei Jahrhunderte lang hat jemand dafür gesorgt, dass es weiter brauchbar blieb – und genau das sieht man ihm heute an. Ein Tragring ist gebrochen. Wir haben ihn gelassen. Eine Schweissnaht wäre schnell gemacht und würde die Geschichte begradigen.
Wir haben die Truhe einem Bauern aus der Region Disentis abgekauft, aus der Surselva – dem Bündner Oberland, wo Sursilvan gesprochen wird. Innen teilt es sich in drei Fächer. Was hier hineinkam, sollte geordnet und verschlossen sein. Heute steht es auf der Fensterbank, im Eingang, neben dem Bett: für Briefe, Werkzeug, Handschuhe. Für das, was einen Platz haben soll.
Besonderheiten: Eingeschnitzte Jahrzahl 1813, handgeschmiedeter Schlosskasten mit Schlüssel, zwei Tragringe auf gelappten Rosetten, Bänder mit Lanzettenenden, handgeschnittene Eckverzinkung, drei Innenfächer, profilierte Deckelkante.
Dieses Unikat kann gerne besichtigt werden. Termin nach Vereinbarung.
Breite: 66,5 cm (breitestes Mass, mit Kranz)
Höhe: 28,5 cm
Tiefe: 29,5 cm
Material: Nadelholz, unbehandelt
Alter: datiert 1813
Zustand: unrestaurierter Originalzustand, über Generationen im Stand gehalten; sauber und geruchsfrei, kein aktiver Wurmbefall; historische Wurmspuren, geflickte Zinken, ein gebrochener Tragring
Herkunft: Surselva, Graubünden; erworben in der Region Disentis
